Literatur(wissenschaft) und KI: Novelle meets KI – Lesen mit der KI
Reiter
Die kurzen, handlungsorientierten Erzähltexte um eine „unerhörte Begebenheit“ (Goethe) sind eingängiger Lesestoff weit über den Deutschunterricht hinaus. Zugleich gilt zweifellos: Jede Schülerin und jeder Schüler kennt sie. Die ‚klassische‘ und doch bis heute lebendige Gattung der Novelle fordert zur Frage nach ihrer Aktualität heraus und weckt zugleich Interesse an ihrer Geschichtlichkeit, ist sie doch vor allem im 19. Jahrhundert verhaftet.
Wir stellen hier Materialien zur Verfügung, die im Rahmen eines Seminars zum Thema Novellen im Sommersemester 2026 erarbeitet wurden. Gelesen und diskutiert wurden eine Reihe kanonischer Novellen (meist von Männern: Tieck, Stifter, Storm, Keller, Heyse u. a.) und einige vergessene (meist von Frauen: Reinbold, Lewald, Wildermuth). Dabei konzentrierten wir uns motivlich auf Liebesgeschichten, methodisch auf Kognition und Emotionen des Lesens: Welches Gattungswissen und welches Weltwissen schüren unsere Erwartungen bei der Lektüre? Wie stellen wir uns eine ‚Liebesgeschichte‘ in ihrem Verlauf vor und wie ‚passen‘ dazu Tektonik, Erzählweise, Figurenzeichnung und Plotstruktur des Texts, wie die Gattungsmuster?
Lesen nicht in einem primär literaturwissenschaftlichen Sinn (also: historisierend, kontextualisierend, forschungsorientiert) bedeutet, sich in die vom Text aufgespannte Textwelt hineinzuversetzen, sich empathisch bis identifikatorisch zu Figuren zu verhalten, Plot-Elemente schon beim Lesen der ersten Sätze vorherzusehen, literarisches und allgemeines Vorwissen auf sprachlicher wie auf Erfahrungsebene heranzuziehen, ‚Bilder‘ von Textwelt und Geschehen im Kopf auszuprägen und immer wieder anzupassen, aber auch die bedeutungsstiftende Kraft von Metaphern wahrzunehmen und schließlich Mehrdeutigkeit produktiv zu erkennen, ohne sie zu Eindeutigkeit aufzulösen. Immer geht es auch darum, Muster zu erkennen und wiederzuerkennen, also Wiederholungen und Analogien zu identifizieren und deren Potenzial auszumachen.
Dafür haben wir ein erstmals im Wintersemester 2025/26 erprobtes Konzept („Kafka meets KI“, ebenfalls im OER-Bereich der UMR frei zugänglich) auf die Novellentexte angewendet: die Beobachtungen beim Lesen durch eine zweite Leseinstanz zu ergänzen, die KI ernst zu nehmen als mögliche „Mit-Leserin“. Wie genau muss gepromptet werden, wenn wir vom Chat möglichst präzise Aussagen zu einem ihm bekannten Text erhalten möchten, die wir unserem Lektüreprotokoll zur Seite stellen können, bis wir beides miteinander vergleichen können?
Den Chat zu befragen hieß für uns, eine möglichst diskutable „zweite Meinung“ einzuholen, seine Lektüre neben unsere zu stellen und daraus Anregungen zu gewinnen. Immer wieder musste nachgefragt werden, mussten redundante Antwortstränge möglichst ignoriert und musste das Prompting korrigiert und präzisiert werden.
Im Unterschied zur gemeinsamen Einzeltextlektüre des vielinterpretierten „Proceß“ von Kafka im vorangegangenen Semester liegt „Novelle meets KI“ ein Textkorpus zugrunde, zu dem auch solche Novellen gehören, die heute nicht mehr gelesen werden, zu denen es auch keine Forschungsliteratur oder sonstige Texte im Netz gibt.
Mit Unterstützung durch meine studentische Mitarbeiterin Laura Dänekas sind mehrere Screenvideos entstanden, die wir hier – genau wie die Chatverläufe mit der KI, die sie kommentieren – bereitstellen.
Jochen Strobel
Als „Primacy Effects“ bezeichnen wir mit der Lesekognitionsforschung die ersten Eindrücke, die sich (vor allem unbewusst) zu Beginn der Lektüre einstellen, zur Hypothesenbildung beitragen und die im Verlauf des Lesens immer wieder revidiert werden. Mit der KI haben wir (sowohl mit Anthropics Claude-Modell als auch Metas Llama-Modell) versucht, sichtbar zu machen, wie diese „Revisionsdynamik“ des Lesens abläuft, wann und wo sich Vermutungen zur weiteren Handlung des Texts, zur Gewichtung der Figuren oder zur Beschaffenheit der Diegese einstellen. Durch gezieltes Prompting wird die alinear „lesende“ KI zur Sichtbarmachung linear ablaufender, (teilweise) unbewusster Revisions- und Adaptionsprozesse menschlichen Lesens herangezogen. Als Textbasis dient Paul Heyses Novelle „L’Arrabbiata“ (1853/54).
Paul Heyse: L'Arrabbiata (1853/54)
Bei Image-Schemata handelt es sich um im Text verkörperte kognitive Muster, die wir beim Lesen erkennen und die uns dabei helfen, im Text bedeutungsstiftende „Ordnung“ zu finden. Ausgehend von Raummetaphern setzen wir die KI (Anthropics Claude-Modell und Metas Llama-Modell) als Mit-Leserin und Analysehilfe ein, um Verbindungen zwischen im Text angelegten konzeptuellen Grundmetaphern und der Topographie der Diegese zu finden, mögliche Bedeutungsbesetzungen zu diskutieren und der Frage auf den Grund zu gehen, ob sich horizontales und vertikales Schema zusammen denken lassen und welche Anhaltspunkte es dafür im Text geben könnte. Als Textbasis dient Paul Heyses Novelle „L’Arrabbiata“ (1853/54).
Paul Heyse: L'Arrabbiata (1853/54)
Wenn aktuell von KI die Rede ist, dann sind damit primär Large Language Models (LLMs, „große Sprachmodelle“) gemeint, also Realisierungen eines mathematischen Sprachmodells mit der Fähigkeit zur Texterzeugung. Große Sprachmodelle werden durch Datenerfassung, Modelltraining und Feinabstimmung trainiert und sind im weiteren Sinne als künstliche neuronale Netze zu begreifen.
Die aktuell erfolgreichsten bzw. meistgebrauchten Sprachmodelle sind Generative pre-trained Transformer (GPT, „generativer vortrainierter Transformer“). Der Transformer als Konzept berücksichtigt die Position der Wörter im Satz und damit verbunden deren jeweiligen Kontext. Ziel ist die mathematische Nachahmung menschlicher kognitiver Aufmerksamkeit und das Identifizieren von Sinnzusammenhängen im jeweiligen Kontext.
In diesem Chat haben wir versucht, mithilfe der KI menschliche und maschinelle Rezeptionsmodi nebeneinander zu stellen, und nach Ansatzpunkten für eine mögliche Nutzbarmachung der Modellarchitektur (Transformer-Architektur) für die weitere Anwendung auf literarische Texte gesucht.
Hans-Georg Müller und Maurice Fürstenberg: Der Sprachgebrauchsautomat. Die Funktionsweise von GPT und ihre Folgen für Germanistik und Deutschdidaktik. In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 70/4 (2023), S. 327–345.
Beim Lesen entstehende mentale Modelle werden durch den Text so gesteuert, dass im Laufe des Lesevorgangs immer wieder neue Elemente der Diegese (Figuren und deren Charaktere, Ereignisse, Objekte, Landschaften etc.) in den Vordergrund gerückt werden, was bedeutet: der Lesevorgang wird deautomatisiert und vielleicht sogar angehalten. Irritationen entstehen durch diese unerwarteten, dadurch in den Vordergrund rückenden Elemente: unerwartete Unregelmäßigkeiten, aber auch unerwartete Regelmäßigkeiten. Beides kann auf sprachlicher oder auf kulturell-inhaltlicher Ebene geschehen. Der Leser versucht nun eine Refamiliarisierung des zunächst exzentrisch wirkenden Elements, d. h. er versucht es in sein mentales Modell des Texts zu integrieren oder er adaptiert dieses Modell, bis das Element (einigermaßen) passt.
Mit der KI suchen wir nach unerwarteten Regel- und Unregelmäßigkeiten in Paul Heyses „L’Arrabbiata“ (1853/54).
Paul Heyse: L'Arrabbiata (1853/54)
Cornelia Rosebrock: Literarisches Foregrounding in Leserperspektive. Phänomenologische und empirische Befunde. In: Foregrounding. Ästhetische Rezeption in didaktischer Perspektive. Hg. von ders., Mark-Oliver Carl, Tina Schulze und Moritz Jörgens. Weinheim: Beltz Juventa 2024, S. 16–44.
Mit „Theory of Mind“ sprechen wir von den mentalen Zuständen, die wir als Leser*innen oder auch die der Text seinen Figuren unterstellt, namentlich über Signale wie Mimik und Gestik, die in der Rede der Erzählinstanz festgehalten werden.
In Paul Heyses „L’Arrabbiata“ finden wir Passagen mit Innensicht nur an wenigen Stellen des Texts, die Erzählinstanz beschreibt stattdessen viele kleine Elemente, bspw. Blicke und Blickwechsel, die wir als Lesende mit Bedeutung füllen müssen. Mit dem Chat analysieren wir Auszüge aus „L’Arrabbiata“ hinsichtlich der im Text angelegten Blickregie, den damit verbundenen Anforderungen an die Lesenden und fragen nach möglichen Lesarten.
Paul Heyse: L'Arrabbiata (1853/54)
Sophia Wege: Wahrnehmung – Wiederholung – Vertikalität. Zur Theorie und Praxis der Kognitiven Literaturwissenschaft. Bielefeld 2013.
Lisa Zunshine: Why We Read Fiction. Theory of the Mind and The Novel. Columbus: Ohio State 2006.
Inferenzen werden häufig als „Motor der Sinnkonstruktion“ bezeichnet. Wir fragen uns und den Chat auf Basis von Paul Heyses „L’Arrabbiata“: Was wird ausgespart? Handelt es sich um wirkliche Leerstellen und welche Anforderungen werden damit an uns als Lesende gestellt? Welche Lücken im Text gilt es zu füllen? Und woher stammt das Material dafür? Die KI dient uns in diesem Zusammenhang als Analyse- und Deutungswerkzeug, das wir durch präzises Prompting nutzen, um Stellen der Mehrdeutigkeit und Unentscheidbarkeit im Text sichtbar zu machen und präsent zu halten.
Paul Heyse: L'Arrabbiata (1853/54)