Literatur(wissenschaft) und KI: Kafkas 'Proceß' meets KI - Lesen mit der KI

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Wir stellen hier Materialien zur Verfügung, die im Rahmen eines Seminars zu Franz Kafkas Roman Der Proceß im Wintersemester 2025/26 weitgehend von Studierenden erarbeitet wurden.

Im Seminar befassten wir uns ein ganzes Semester lang mit dem etwa 250 Druckseiten umfassenden Text (in der auf die historisch-kritische Edition zurückgehenden Reclam-Ausgabe, die von Michael Müller zuerst 1995 herausgegeben wurde). Dabei ging es uns um eine genaue Beobachtung unserer eigenen Lektüren, Kapitel für Kapitel. Parallel beschäftigten wir uns mit Theorien und Thesen zur Kognition des Lesens, die uns bei diesen Selbstbeobachtungen von Leser*innen eines komplizierten Texts unterstützten. Lesen nicht in einem primär literaturwissenschaftlichen Sinn (also: historisierend, kontextualisierend, forschungsorientiert) bedeutet, sich in die vom Text aufgespannte Textwelt hineinzuversetzen, sich empathisch bis identifikatorisch zu Figuren zu verhalten, Plot-Elemente schon beim Lesen der ersten Sätze vorherzusehen, literarisches und allgemeines Vorwissen auf sprachlicher wie auf Erfahrungsebene heranzuziehen, ‚Bilder‘ von Textwelt und Geschehen im Kopf auszuprägen und immer wieder anzupassen, aber auch die bedeutungsstiftende Kraft von Metaphern wahrzunehmen und schließlich Mehrdeutigkeit produktiv zu erkennen, ohne sie zu Eindeutigkeit aufzulösen. Immer geht es auch darum, Muster zu erkennen und wiederzuerkennen, also Wiederholungen und Analogien zu erkennen und deren Potenzial auszumachen.

Neu war die Idee, die Beobachtungen beim Lesen durch eine zweite Leseinstanz zu ergänzen, die KI ernst zu nehmen als mögliche „Kafka-Leserin“. Wie genau muss gepromptet werden, wenn wir vom Chat möglichst präzise Aussagen zu einem ihm bekannten Text erhalten möchten, die wir unserem Lektüreprotokoll zur Seite stellen können, bis wir beides miteinander vergleichen können?

Einige Studierende produzierten, teils mit Unterstützung durch meine studentische Mitarbeiterin Laura Dänekas und mich, Podcasts, die wir hier veröffentlichen. Zusätzlich zum ersten Podcast stellen wir ein Screenvideo zur Verfügung, das in zwei Chatverläufe einführt, die wir, mit Kommentaren von mir versehen, ebenfalls hier freischalten. Den Chat zu befragen hieß für uns, eine möglichst diskutable „zweite Meinung“ einzuholen, seine Lektüre neben unsere zu stellen und daraus Anregungen zu gewinnen. Immer wieder musste nachgefragt werden, mussten redundante Antwortstränge möglichst ignoriert und musste das Prompting korrigiert und präzisiert werden.

Wir setzen im Sommersemester 2026 unser Experiment anhand von Novellen des 19. Jahrhunderts fort, darunter heute nicht mehr gelesenen, zu denen es auch keine Forschungsliteratur oder sonstige Texte im Netz gibt, ganz im Gegensatz zum viel interpretierten Proceß.

Jochen Strobel

In Podcast 1 stellten wir uns den Leseirritationen, die wir und die der Chat auf den ersten Seiten ausmachten: An welchen Textstellen halten wir irritiert inne oder müssen wir unsere Erwartungen korrigieren und Textwelt und Handlung neu konstruieren?

Verfasser*innen: Laura Dänekas, Vanessa Schmidt, Jochen Strobel

Primärliteratur: 
Franz Kafka: Der Process. Hg. von Michael Müller. Stuttgart: Reclam 1995/2014.

Sekundärliteratur: 
Manfred Engel: Der Process. In: Kafka-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. von dems. und Bernd Auerochs. Stuttgart/Weimar 2010, S. 192–207.
Dirk Oschmann: Freiheit und Fremdheit. Kafkas Romane. Basel/Berlin: Schwabe 2021.
Ulrich Stadler: Kafkas Poetik. Berlin/Boston: de Gruyter 2019.

Podcast 2 befasst sich mit der „Theory of Mind“, mentalen Zuständen, die wir als Leser*innen oder auch die der Text seinen Figuren unterstellt, namentlich über Signale wie Mimik und Gestik, die in der Erzählerrede festgehalten werden.

Verfasser*innen: Laura Dänekas, Jochen Strobel, Merve Yetiz

Primärliteratur: 
Franz Kafka: Der Process. Hg. von Michael Müller. Stuttgart: Reclam 1995/2014.

Sekundärliteratur:
Sophia Wege: Wahrnehmung – Wiederholung – Vertikalität. Zur Theorie und Praxis der Kognitiven Literaturwissenschaft. Bielefeld 2013.
Lisa Zunshine: Why We Read Fiction. Theory of the Mind and The Novel. Columbus: Ohio State 2006.

Podcast 3 untersucht Image-Schemata, also im Text verkörperte kognitive Muster, die wir beim Lesen erkennen und die uns dabei helfen, im Text bedeutungsstiftende ‚Ordnung‘ zu finden, beispielsweise in räumlichen Relationen wie Figur (im Vordergrund) und Grund (etwa als Hintergrund).

Verfasser*innen: Laura Dänekas, Christian Kraft, Jochen Strobel

Primärliteratur: 
Franz Kafka: Der Process. Hg. von Michael Müller. Stuttgart: Reclam 1995/2014.

Podcast 4 versucht sich an der Konkretisierung einer These aus der Forschung. Manfred Engel erkennt im Proceß zwei Textwelten, eine private und eine geschäftlich-gerichtliche. Der Chat wird nun anhand des Kapitels „Die Prügler“ gebeten, die Schwelle zwischen beiden Welten zu bezeichnen und zu diskutieren.

Verfasser*innen: Laura Dänekas, Jochen Strobel, Sophie Troß

Primärliteratur:
Franz Kafka: Der Process. Hg. von Michael Müller. Stuttgart: Reclam 1995/2014.

Sekundärliteratur: 
Manfred Engel: Der Process. In: Kafka-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. von dems. und Bernd Auerochs. Stuttgart/Weimar 2010, S. 192–207.

Podcast 5 schließlich behandelt interne Visualisierungen, also die ‚Bilder‘, die beim Lesen im Kopf entstehen und oft ohne reflektiert zu werden wieder verschwinden. Diese Beobachtung wird bezogen auf von der KI erstellte Visualisierungen von Textauszügen.

Verfasser*innen: Laura Dänekas, Lea-Marie Heß, Jochen Strobel

Primärliteratur: 
Franz Kafka: Der Process. Hg. von Michael Müller. Stuttgart: Reclam 1995/2014.

Sekundärliteratur: 
Renate Brosch: Literarische Lektüre und imaginative Visualisierung: Kognitionsnarratologische Aspekte. In: Handbuch Literatur & Visuelle Kultur. Hg. von Claudia Benthien und Brigitte Weingart. Berlin/Boston: de Gruyter 2014, S. 104–120.
Yvonne Wübben: Lesen als Mentalisieren? Neuere kognitionswissenschaftliche Ansätze in der Leseforschung. In: Martin Huber/Simone Winko (Hg.): Literatur und Kognition. Bestandsaufnahmen und Perspektiven eines Arbeitsfeldes. Paderborn 2009, S. 29–44.

Die Podcasts in diesem Kurs sind unter folgender Lizenz veröffentlicht: CC BY-SA