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Dynamik in Gruppen

Einführung

Wann spricht man von einer Gruppe?

  • 3 bis ca. 20 Mitglieder[1]
  • gemeinsame Aufgabe oder gemeinsames Ziel
  • Möglichkeit der direkten Kommunikation
  • gewisse zeitliche Dauer (ab ca. drei Stunden)
[1] bei mehr Personen ergeben sich meist kleinere Untergruppen, die zu einer neuen Dynamik führen

Welche Gruppen kennen Sie?

An der Uni, beim gemeinsamen Wohnen, beim Sport, politischen Engagement...
Unter Umständen können Gruppen auch spontan entstehen, bspw. wenn ein Zug immer mehr Verspätung bekommt und sich die an sich unbekannten Reisenden beginnen, darüber auszutauschen o.ä. Situationen.

Eine Gruppe wird definiert durch...

  • ein Wir-Gefühl der Gruppenzugehörigkeit und des Gruppenzusammenhalts
  • ein System gemeinsamer Normen und Werte als Grundlage der Kommunikations- und Interaktionsprozesse
  • ein Geflecht aufeinander bezogener sozialer Rollen, die auf das Gruppenziel gerichtet sind.
Vielleicht haben Sie die vorher genannte Zug-Situation oder etwas Ähnliches bereits erlebt. Die gemeinsame (unangenehme) Lage kann zu einer Art Gemeinschaftsgefühl führen, es bilden sich Rollen heraus: beruhigen, Wissen erlangen, Ärger kundtun, aufhetzen, empören etc.

Drei Zugänge zur "Gruppendynamik":

  1. umgangssprachlich: das Verhalten von Gruppen auf psychosozialer Ebene, häufig negativ besetzt im Sinne von „sich der Gruppendynamik oder dem Gruppendruck beugen“
  2. sozialwissenschaftlich: die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit gruppendynamischen Prozessen
  3. praktisch: angewandte Gruppendynamik als ein Verfahren sozialen Lernens
  • Eine Gruppe ist kein statisches Gebilde – sie entsteht, verändert sich, wird ergänzt, zerfällt.
  • Nach Lewin ist Gruppendynamik eine eigendynamische, soziale Realität, die mehr und etwas anderes ist als die Summe ihrer Teile, also die Summe der aus ihr bestehenden Individuen. Ein Rückschluss von individuellen Verhaltensmustern auf das Verhalten einer Gruppe ist somit nicht möglich.
Quelle:
https://wb-web.de/wissen/interaktion/gruppendynamik.html
Im Folgenden weise ich auf einige Modelle hin, die hilfreich sind, um das Geschehen in Gruppen (und sich selbst!) besser verstehen und steuern zu können:
Das Eisbergmodell in seiner gruppendynamischen Ausprägung, die Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe und die Themenzentrierte Interaktion.

Das Eisbergmodell

Das Eisbergmodell stammt ursprünglich aus dem psychoanalytischen (psychodynamischen) Umfeld, was an einigen der Bezeichnungen erkennbar ist.
Die Grundüberlegung ist, dass das sachliche Arbeiten in Gruppen durch den Teilnehmenden meist unbewusste Aspekte belastet und gestört wird.Quelle: Grafik Pixabay (CC0 Creative Commons) bearbeitet und ergänzt um Text (vgl. König/Schattenhofer (2006), S. 27)

Grundbedürfnisse

Es gibt verschiedene Modelle, in denen menschliche Bedürfnisse als Grundlage der individuellen Handlungsmotivation beschrieben werden. Oftmals wird hier auf die Bedürfnispyramide nach Maslow verwiesen. Wissenschaftlich gut belegt sind auch die vier Grundbedürfnisse, die der Psychologe Klaus Grawe postuliert. Sie stellen die uns häufig unbewussten Gründe für Stimmungen und Verhalten dar: Grundbedürfnisse (Klaus Klawe)
  • Bindung und Zugehörigkeit
  • Kontrolle und Orientierung
  • Selbstwertschutz und -erhöhung
  • Lustgewinn und Unlustvermeidung
Worum es bei den einzelnen Bedürfnissen geht, lesen Sie hier:
https://www.fwiebel.de/2016/12/13/psychische-grundbed%C3%BCrfnisse-was-ist-das/

Grundlage TZI

Die Themenzentrierte Interaktion (TZI) wurde von Ruth Cohn 1955 entwickelt. Sie stellt Grundlagen für interaktives und effizientes Arbeiten in Gruppen zur Verfügung.
Neben dem unten dargestellten Modell sind vor allem die sogenannten "Postulate" und Hilfsregeln hilfreich für die Arbeit mit Gruppen.

Mehr dazu unter:
https://www.wb-web.de/wissen/interaktion/Themenzentrierte-Interaktion-TZI.html
Für eine möglichst gute Arbeit in einer Gruppe sollten sich die Bereiche Thema (Es), die einzelne Person (Ich) und die Gruppe (Wir) in einer dynamischen Balance befinden. D.h. im Verlauf der Arbeit kann und wird es zu einem Ausschlag in eine der drei Ecken kommen oder der Einfluss der Umwelt kann sich bemerkbar machen: eine Person ist unausgeschlafen zwei hatten in der letzten Pause Streit, das Thema ist zu kompliziert, der Raum zu warm etc. Diese "Störungen" müssen zunächst bearbeitet werden, damit die Gruppe arbeitsfähig bleibt oder wieder arbeitsfähig wird.
Die beiden Postulate der TZI lauten

1. Sei Deine eigene "Chairperson".
 
2. Störungen haben Vorrang.

Sie weisen darauf hin, dass die Personen in einer Gruppe jeweils für sich selbst verantwortlich sind, also auch auf ihre eigene Arbeitsfähigkeit achten sollten und dass Störungen im gemeinsamen Arbeiten zwangsläufig vorkommen und bearbeitet werden sollten.Die Hilfsregeln geben darüber hinaus Orientierung für die Interaktion innerhalb einer Gruppe. Sie können explizit als gewünschte Verhaltensweisen vorgestellt werden oder implizit gelten und bei Problemen zum Thema werden.

Hier eine Auswahl:
  1. Vertritt dich selbst in deinen Aussagen - Sprich per „ich“ und nicht per „man“ oder „wir“.

  2. Bevorzuge die persönliche Aussage vor der Frage – „Mich interessiert...“, „Für mich ist das jetzt ganz neu...“

  3. Interpretiere das Verhalten anderer nur, wenn du von ihnen darum gebeten wirst.

  4. Nur einer spricht zur gleichen Zeit.

  5. Beachte die Signale deines Körpers und die der anderen.

  6. Sei authentisch und selektiv. - Sage nur das, was authentisch ist, aber sage nicht alles, was authentisch ist, sondern wähle aus, was in diesem Kontext angemessen ist.
Die TZI ist in der Humanistischen Psychologie angesiedelt und vertritt deren Wertvorstellungen, u.a.:
  • Der Mensch ist sowohl autonom als auch wechselseitig abhängig von anderen.
  • „Der Einzelne ist eine Ganzheit, die mehr ist als die Summe ihrer Teile, und er selbst ist Teil einer Gemeinschaft, die mehr ist als die Summe aller Einzelnen.“
Zitiert nach Quitmann 1991: Humanistische Psychologie

Gruppenprozesse

In Hinblick auf die Prozesse, die eine Gruppe in der Regel durchläuft, werden in der Literatur häufig fünf Phasen beschrieben - teils mit abweichenden Benennungen.
Diese prototypischen Phasen sind durch Aufgaben und Themen sowohl auf der Inhalts- als auch auf der Beziehungsebene gekennzeichnet, die eine Gruppe unabhängig von der Leitung durchläuft, von dieser aber unterstützt, begleitet und gesteuert werden kann.

Gruppendynamische Übungen

Mit gruppendynamischen Übungen können Sie die Prozesse innerhalb einer Gruppe initiieren und unterstützen. Es handelt sich dabei oftmals um spielerische Zugänge, damit sich die Gruppenmitglieder besser kennlernen, Vertrauen gewinnen und neue Erfahrungen machen können.

Im Internet finden sich zahlreiche Zusammenstellungen solcher Übungen, hier stelle ich Ihnen meine "Favoriten" vor.

Gruppendynamische Übungen und Spiele sollten nicht als reiner Selbstzweck oder Zeitvertreib eingesetzt werden, sondern im Zusammenhang mit Ihren Lernzielen stehen. Sie sollten begründen können, warum Sie diese Übung mit welchem Ziel und zu diesem Zeitpunkt durchführen. Außerdem sollten Sie sich selbst mit den Übungen wohlfühlen, um diese motivierend anleiten zu können. Im Anschluss an eine Übung sollte es die Möglichkeit geben, sich kurz auszutauschen und Fragen zu stellen.

Als Gruppe bis 20 zählen

ZIEL:

Wachheit, Konzentration, Aufmerksamkeit, Gruppengefühl erspüren
ZU BEACHTEN: mind. 6 TN

ABLAUF:

ln der Gruppe gemeinsam bis 20 zählen, d.h. jeder einzelne TN kann die nächstfolgende Zahl von 0 aufwärts sagen, allerdings ohne Absprache! Sie können dazu im Kreis stehen, mit geöffneten oder geschlossenen Augen, oder durch den Raum laufen.

Wenn jedoch 2 oder mehr TN gleichzeitig eine Zahl sagen, fäIlt das Ganze wieder auf 0 zurück und beginnt erneut. Ziel ist es, gemeinsam die Zahl 20 zu erreichen.

Gordischer Knoten

Ziel ist die gemeinsame Problemlösung.
Mindestens acht TN und Offenheit für Körperkontakt.

Alle Spieler*innen stellen sich im Kreis auf. Sie strecken ihre Hände zur Kreismitte und schließen die Augen. Anschließend gehen alle langsam in die Mitte und suchen mit beiden Hände entsprechende Partner*innen zu finden. Jede Hand muss dabei eine andere Hand fassen. Wenn möglich sollte vermieden werden, zwei Hände der gleichen Person zu greifen.

Die anschließende Aufgabe ist leicht erklärt, aber oft schwer zu erledigen: der so entstandene Gordische Knoten muss gelöst werden, indem beispielsweise über andere Hände gestiegen wird. Die Hände dürfen dazu natürlich nicht losgelassen werden.

Je nach Ausgangssituation können dabei mehrere Kreise übrig bleiben, die auch ineinander verschlungen sein können.

Stange absenken (oder Schwebende Stange, Fliegender Stab...)

Ziel ist die gemeinsame Problemlösung in einer angepannten Situation.
Sie benötigen eine ca 1,5 m bis 2 m lange Stange, z.B. aus Bambus, zusammengerolltes Flipchartpapier funktioniert auch. Nicht zu schwer, aber wenn sie sehr leicht ist, wird die Aufgabe schwieriger.

Die Spieler*innen stellen sich in zwei Reihen gegenüber auf, mit dem Gesicht zueinander. Alle Spieler*innen strecken einen Arm etwa in Brusthöhe vor sich und spreizen dabei den Zeigefinger nach vorne. Die Gruppe insgesamt soll etwa so lang sein wie die Stange. Die Spielleitung nimmt nun die Stange auf und legt sie auf die Zeigefinger der Mitspieler*innen.

Sobald die Stange auf den Fingern der Spieler*innen ruht, gibt die Spielleitung die Spielbeschreibung aus. Es gelten folgende Bedingung: Jeder/jede Teilnehmer*in muss immer mit seinem/ihren Zeigefinger die Stange von unten zumindest leicht berühren - die Hand darf also niemals von der Stange entfernt werden. Während diese Bedingung einzuhalten ist, erhält die Gruppe insgesamt folgende Aufgabe: die Stange muss am Boden abgelegt werden.

Diese einfach klingende Aufgabe wird aber einige Zeit zur Durchführung benötigen. Da alle Spieler*innen immer einen leichten Druck von unten auf die Stange ausüben müssen, wird diese zumindest beim ersten Versuch meist innerhalb kürzester Zeit nach oben weggedrückt werden. Es benötigt ein großes Maß an Gruppenkoordination, um die Stange tatsächlich bis zum Boden zu bewegen.

Noch schwieriger kann die Aufgabe natürlich gestaltet werden, wenn die Spieler*innen dabei nicht Sprechen oder sonst wie Kommunizieren dürfen! Ansonsten kann die Gruppe die Aufgabe am leichtesten meistern, wenn jemand das Kommando übernimmt und gemeinsame Schritte "nach unten" koordiniert. (Beschreibung aus www.spielewiki.org)

Beispiel:
https://www.youtube.com/watch?v=IsqJp5ulVF0